Kai Nesau – Poetry Slam, Lyrik und Lachen

Augen zu und durch – der Narkolepsie Text

Ich war neulich mal auf nem Vortrag zum Thema Narkolepsie oder wie der Volksmund sagt Schlafkrankheit, nicht ganz freiwillig, aber die hübsche Medizinstudentin, die mich für diesen romantischen Abend um Begleitung gebeten hat, war einfach zu nett um ihr diese Bitte ernsthaft abschlagen zu können. Also Augen zu und durch.
So saß ich dann nach einem anstrengend Tag neben ihr in einem Hörsaal, und lauschte gespannt den Worten eines didaktisch ungeschulten Professors, der auch noch den passenden Namen zum Thema trug, Professor Wach.
Wie gesagt, es war ein anstrengender Tag, ich war kaputt, hatte mir gerade noch den Magen mit einem Döner gefüllt und der Verdauungsprozess nahm meine restlichen körperlichen Energien voll in Anspruch, und so wechselte ich ganz langsam in den Stand By Modus.
Ein Rempler in die rechte Seite beendete meine spontane Narkolepsie, und ein: „Man, dass du auch immer alle verarschen musst“ machte mir bewusst, dass meine Einschlafen ja hier wirken musste wie ein Hustenanfall auf einer Infoveranstaltung für Schweinegrippe.
Während Professor Wach über den immer größeren Bekanntheitsgrad in der Gesellschaft dozierte, und dass diese Erkrankung üblicherweise Mitte 20 ausbricht, schweiften meine Gedanke wieder ab.
Ich hörte noch, dass dieses Einschlafen spontan auftritt und mehrere Sekunden bis Minuten dauern kann und schlief ein.
Ich wurde diesmal von einer mir unbekannten Sitznachbarin zu meiner linken auf eine deutliche sanfte Art geweckt.
Sie lächelte und sagte: „Ach, sie sind auch betroffen?“
Von da an war ich hell wach.
Und mein Leben nahm eine Wende, ich traf eine Entscheidung
Ich werde Narkoleptiker.
Der Test für den ersten vorgetäuschten Anfall sollte gleich am nächsten Tag folgen.
Mein Versprechen eines Kinobesuches wurde eingelöst, und ich wurde gegen meinen Willen in Twilight 2 New Moon gezerrt.
In der Schlange lenkte ich dann das Thema geschickt auf Narkolepsie und berichtete von den Symptomen die mich seit einiger Zeit plagten.
Ich machte es mir während der Vorschau bequem und konnte entspannt die nächsten 90 Minuten im Tiefschlaf verbringen ohne blaue Flecken in den Seiten und endlose Vorwürfe, stattdessen Mitgefühl und Verständnis.
Es funktionierte.
Von da an erzählte ich jedem sofort von meiner Erkrankung.
Bei langweiligen Dates, kurz mein neues Lieblingswort erklärt und dann mitten im Café Augen zu und durch. 5 Minuten dem Umfeld lauschen während man mit dem Kopf in der Sachertorte hängt, ohne dabei zu Lachen ist zwar nicht ganz einfach, aber die Mühe lohnt sich.
Ich entwickelte mich zum Perfektionisten.

In Behörden oder KFZ Zulassungsstellen rollte ich mich auf dem Boden zusammen und simulierte Tiefschlaf. Bei meinem Erwachen geb ich dann, die inzwischen sorgfältig einstudierte, Erklärung zu meiner Krankheit ab, um dann von meinen mitfühlenden Mitbürgern vorgelassen zu werden. Klappt nicht immer beim ersten Mal, aber spätestens wenn man das zweite Mal mit der Autobild in der Hand vom Stuhl fällt, ist man an der Reihe.

Yes I can. Ich bin stolz ein Narkoleptiker zu sein.
Die Krankheitserklärung von Wikipedia habe ich in hundertfacher Ausfertigung auf dem Schreibtisch liegen und ist bei mir grundsätzlich Anhang, nebst eines kleinen Zweizeilers, bei Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung.
Neulich hatte ich bei einem Foto sogar die Augen geschlossen, und die drei Punkte wegen Fahrens bei rot lösten sich dank Narkolepsie in Wohlgefallen auf.

Auch das allgemeine Verhalten der anderen Autofahrer ist deutlich umsichtiger geworden, ich werde vorgelassen und die Menschen halten den Sicherheitsabstand ein, und das alles erst seit dem ich diesen neuen Aufkleber an der Heckscheibe habe: Narkoleptiker am Steuer.

Egal ob es das Einschlafen nach dem Sex ist , oder während. Kein Gezeter.

Neulich klingelte ein netter Mann an meiner Tür, er zückte seinen GEZ Ausweis, ich schlief ein.
Frau Schmalottke von gegenüber erklärte dem verdutzen Mann meine Erkrankung, sie würde mich auch nicht mehr mit ihrem Dackel spazieren schicken, beim letzten Mal hätte sie ihn 4 Stunden im Stadtpark gesucht während ich auf einer Parkbank schlief.

Und die samstäglichen Freundschaftsdienste in Form von gelbe Tüten schleppen bei Ikea , bleiben mir seit meinem letzten Besuch ebenfalls erspart. Dort spricht man seit meiner etwas ungeschickt eingeleiteten „Augen zu und durch Vorstellung“ noch heute vom „Billy-Regal Domino Day“.

Auf der Arbeit läuft es ebenfalls ruhiger. Fortbildungen haben sich inzwischen bei mir zu ausgedehnten Ruhephasen entwickelt. Und nach einigen unangenehmen Pausen beim Halten von Vorträgen, wurde ich verständnisvoll von dieser Aufgabe entbunden.
Und wenn ich Montagsvormittag meinen Rausch ausschlafe, Harmonie dank Narkolepsie.
Nach dem Hinweis auf die möglichen Kosten für das Unternehmen bei einem Sturz am Arbeitsplatz, wurde auch der Wunsch nach einem größeren Bürostuhl mit extra Polsterung und Kopfstützen stillschweigen und umgehend erfüllt.

Es läuft rund.
Meine neugewonnen Ressourcen während der Arbeit habe ich inzwischen genutzt um meinem Narkolepsie Enthusiasmus mit anderen zu teilen, und wurde Moderator eines Narkolepsie Chatraums.
Der Chat wurde leider inzwischen wieder eingestellt, da die User wegen ihrer zeitversetzen Antworten keinen richtigen Dialog aufbauen konnten. Behindert wurde dieser auch durch immer wieder auftretende sinnlose Buchstabenketten.

Ich gehe seit neustem auch gerne Samstagnachmittag zu H&M dort rolle ich mich bewaffnet mit einigen Pullovern als Kopfkissen, mitten in der Umkleidezone, auf dem Fußboden zusammen.
Nach max. 2 Minuten bin ich umringt von nur noch teilweise bekleiden Frauen, die im Anschluss gespannt meinen Narkolepsie Storys lauschen.
Und wenn es beim anschließenden Kennlernkaffe, ich esse übrigens nur noch Topfkuchen, langweilig wird.
Augen zu und durch.
In diesem Sinne gute Nacht.