Einigkeit um echte Freiheit
Es gibt Tage, an denen man weiß, dass man nicht gewinnen kann.
Die Konkurrenz an potenziellen Gewinnern ist einfach zu groß, aber trotzdem setzt man sich dem Wettkampf aus, nicht um zu gewinnen sondern um Spaß zu haben.
So geht es den meisten von uns Slammern.
Und so ging es mir neulich auch mal wieder.
Ich saß am Tisch mit einem Afghanen, einem Chinesen und einem Iraner, die alle in etwa so alt waren wie ich.
Und es begann ein Gespräch über die Länder mit den größten Einschränkungen der Freiheit.
Jeder hatte an diesem Abend das Bedürfnis sein Land als das Unfreiste, das Land mit den meisten Regeln und Verboten darzustellen. Das lag möglicherweise auch daran, dass irgendwer in der Runde vorgeschlagen hatte diesem Pechvogel den Deckel zu spendieren.
Ich begann die Diskussion also mit dem Einwurf:
„ Leute, wir sollten aber vorher festlegen, dass wir uns immer ein Thema raussuchen und jeder erzählt dann, wie das in seinem Land so läuft, danach entscheiden wir gemeinsam wer für das Thema den Punkt bekommt, und am Ende zählen wir aus. Okay?“
Schweigen, dann Lachen.
„ Alder, macht ihr das in Deutschland immer so mit Regeln und Punkten und Abstimmung wenn ihr diskutiert??“
„Ähmm, ja schon irgendwie“
Einstimmig bekam ich den ersten Punkt von meinen Mistreitern zugesprochen.
Wen aus China begann die Diskussion und warf die Gebärdenquote ein, man dürfte nur noch ein Kind bekommen. Der Afghane legte wortlos 5 Fotos seines prächtigen Nachwuchses auf den Tisch und sagte: „ Ich bin raus“.
Mahmoud, der Iraner gab an, dass es zwar zurzeit mit einer zweiten Frau im Iran etwas schwierig sei, aber in Sachen Nachwuchs wären die Familien gut bedient.
Nun blickten alle zu mir:
„Also, verboten ist das bei uns jetzt nicht mit dem Kinderkriegen und so, aber auch nicht ganz so einfach. Man muss ja schließlich die ganzen Behördengänge in Betracht ziehen, die Vaterschaftsanerkennungen und bei dem ein oder anderen auch ein Vaterschaftstest. Ein Elternteil muss dann ja aufhören mit Arbeit, kann dann aber Elterngeld in Anspruch nehmen, für 12 Monate. Wobei das auch nicht ganz stimmt, je nachdem ob Mutter oder Vater in Elternzeit gehen. Dann wäre anschließend noch die Kinderbetreuung zu klären, ab 3 Jahren gibt es für jedes Kind einen Kindergartenplatz, naja nicht ganz, also nur halbtags. Oder halt die Krabbelgruppen, das wird ab dem zweiten sogar billiger, aber man muss sich für alles bewerben.
Dann ist ja auch nachmittags so einiges zu leisten, Babyschwimmen, Musikunterricht, Sportvereine und abends in die Schule, Ehrenämter als Eltern, die ganzen Pflichtuntersuchungen, wo man halt so hin muss. Dann noch Schulgeld, Essensgeld, Taschengeld, Studiengebühren. Aber man darf schon mehr als ein Kind haben.“
Die drei guckten mich sprachlos an, Wen klopfte mir mitleidig auf die Schulter, und der nächste Punkt ging wortlos an mich.
Hamid, der Afghane begann die nächste Runde.
„ Isch habe die Schnauze voll. Seit Nato in unserem Land hilft herrscht Chaos auf den Straßen. Wir werden jetzt oft kontrolliert ob Bremsen im Auto funktionieren. Es werden Ampeln in der Stadt und auf dem Land aufgebaut, ständig Stau und Militärtransporte machen unsere schönen Schotterstraßen kaputt. Wir zahlen inzwischen 40 Cent für einen Liter Benzin. Die Freiheit die wir früher mit dem Auto hatten ist teuer geworden und eingeschränkt“
Wen nickte nur und gab an, dass er gar kein Auto habe.
Dem Iraner Mahmoud hatten die utopischen 40 Cent pro Liter die Sprache verschlagen.
Mir begann das Ganze langsam unangenehm zu werden aber der Blick der anderen forderte mich eindeutig zu einer Stellungnahme für Deutschland auf.
„ Naja, also 40 Cent zahlen wir auch, für nen Drittel Liter Benzin. Aber gut wer viel fährt, der kann ja Diesel fahren, da ist man bei nem guten Euro. Nur kann man halt mit den Dieseln, die so 5 Jahre alt sind, nicht mehr ohne Problem in die Innenstädte.
Die wären jetzt sauberer, sagt man. Sicher man kann Geld beantragen um sein 5 Jahren alten VW mit nem Filter nachzurüsten um dann wieder in die Stadt fahren zu dürfen. Aber das Problem haben viele gelöst indem sie ihre alten Autos weggeworfen haben. Die liefen zwar noch, aber es gab halt wieder Geld vom Staat, wenn man es beantragt hat. Und dann auch nicht für alle, man musste sich ein neues Auto kaufen, also da war ja schon irgendwie Zwang da. Aber die meisten Alten sind ja sowieso ein bisschen teuer, weil der Staat zum Umweltschutz ja schließlich helfend eingreift, und so 10 Jahre alte Umweltsünder ordentlich besteuert. Da sind schon mal 800 Euro und mehr im Jahr fällig für nen schönen Golf 3 Diesel, aber naja ist ja für die Umwelt, das kann man dem Staat ja jetzt doch nicht so wirklich vorwerfen. „
Selbst meine stichhaltigen Umweltargumente konnten die anderen nicht überzeugen und ich baute meinen Vorsprung weiter aus.
Nun war Mahmoud an der Reihe und er beschwerte sich über die Zensur im Iran, es gäbe nur staatliches Fernsehen und staatliche kontrollierte Medien, er wünsche sich mehr Liberalismus in diesem Bereich, dann wäre sein Land freier und die Kultur könne sich entfalten.
Wen versuchte zwar noch mit der Tibetpolitik und den Menschenrechten zu kontern, und Hamit warf die demokratische Wahl in Afghanistan ein, aber so richtig übertrumpfen konnte Mahmoud keiner.
Siegessicher grinste er mich an, jetzt wurde mein Kampfgeist geweckt. Ein Land und seine Kultur werden freier durch Medien, pff, dass ich nicht lache.
„ So Leute, jetzt hört mal zu. Bei uns gibt es sowohl staatliche als auch private Medien, die staatlichen Medien werden über Zwangsabgaben finanziert, es gibt eine staatliche gedulde Mafia, die sich GEZ nennt und bei allen Bürgern das Geld eintreibt, unabhängig vom Konsum. Die Mitarbeiter dieses Unternehmens besuchen die Bürger zuhause und kontrollieren ob ihnen Empfangsgeräte zur Verfügung stehen, und fordern dann die Zwangsabgaben ein. Mitbestimmung gibt es hier gar nicht. Vertreter der Regierung sitzen in den Vorständen dieser Medien und entscheiden gegen den Willen der Journalisten wo es Feuer gibt und welcher Brender gelöscht wird.
Und nun meine liebe Freunde kommen wir mal zu den freien Medien, die ihr auch in eurem Land wünscht. Unsere freien Medien: BILD dir deine Meinung, bloß vorsichtig.
Statt Informationen zu nutzen und Kultur zu erhalten werden wir alltäglich mit Reportagen über den Alltag konfrontiert. Bei Supershows werden die 100 tollsten Versager dieser und jener Periode gewählt und ein Metzger bannt Millionen vor dem Fernseher, indem er niveaulose B Promis in Autos setzt und ins Wasser springen lässt.
Statt investigativem Journalismus gibt es nur noch Investitionen in negative Journals, und Kultur bekommen wir nur mit Hilfe der Franzosen ins deutsche Fernsehen.
Und zwischen den Zeilen …… steht nur noch Werbung.“
Meine Rede endete mit einem Blick zum Fernseher an der Wand, bei dem eine deutsche Talentshow gerade durch einen Mediamarktspot mit Mario Barth unterbrochen wurde.
Schweigen.
Die drei bestellten noch eine Runde Bier und zahlten wortlos meinen Deckel mit.
Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen, bestellte eine Runde Korn für alle, zahlte diese selbst und hatte das Bedürfnis nach einer kleinen Ansprache:
„ Nicht alles ist schlecht in diesem Land, und solange wir zumindest das Gefühl haben frei zu sein, sind wir schon mal ein Stück weiter als die meisten Menschen in euren Heimtaländern. Bei uns steht die Würde des Menschen an erste Stelle im Grundgesetz und die freie Meinungsäußerung ebenfalls. Also sagt heute was ihr wollt, schimpft über wen ihr Lust habt. Dieser Staat schützt seine Werte und auch seine Bürger, heute könnt ihr euch sicher fühlen, denn alle Macht geht vom Volke aus. Prost.“
Wir tranken und feierten und verließen fröhlich den Laden.
Als wir afghanische Volkslieder singend durch die Straßen wankten, kam uns plötzlich ein kleines Grüppchen haarloser Angehöriger meines Volkes entgegen. Und während ich noch an die Sicherheit und Würde dachte, sah ich plötzlich eine Faust und es wurde dunkel.