Altenpflege 1.Tag Frühstück
Hier mal eine nahezu authentische Geschichte aus meinen Leben.
Genauer gesagt aus meinem Berufsleben.
Ich habe mich nachdem ABI nämlich für einen Job mit Zukunft entschieden.
Einen Beruf der jeder Wirtschaftkrise trotzt, einen Beruf, der vom demographischen Wandel unbeeindruckt bleibt, ein Beruf mit steigenden Marktanteilen…
Ich habe eine Ausbildung als Altenpfleger gemacht.
Meine schönsten Erlebnisse fasse ich in einem Wochenbericht zusammen.
Heute Tag 1. Frühstück
Es war Oktober 2002, ich wusste ja in etwa was mich erwarten würde, und die Berufsschule hatte im ersten Unterrichtsblock versucht uns auf die Realität vorzubereiten, doch was ich in meiner ersten Woche erlebte sprengte jede Vorstellungskraft.
Es begann damit, dass ich mich um 8 Uhr auf der Station vorstellte und keiner wusste, dass ich kommen soll.
Gut, dass die Leute im Altenheim etwas vergesslich sind weiß man ja, aber vom Personal hatte ich anderes erwartet.
Mit wurde der Umkleideraum gezeigt und ich wechselte vom trendigen Style eines 20 jährigen in die weiße asexuelle Kluft eines Altenpflegers, Teil 1 der optische Wandel war vollzogen.
Meine erste verantwortungsvolle Aufgabe war Frida Schmidt ( was jetzt natürlich nicht fehlen darf, der obligatorische Satz: Namen wurden vom Autor geändert, Ähnlichkeiten mit real existieren Personen sind reiner Zufall, wollte ich immer schon mal sagen )
Frida Schmidt war gefühlte 200 Jahre alt, ein Blick in die Akte zeigt mir, allerdings dass ich mich nur um gute 100 Jahre verschätzt hatte.
Frida war ihr Alter aber völlig egal, genauso wie sonst so ziemlich alles.
An schlechten Tagen sagte sie gar nicht s und schaute immer nur an einen fiktiven Punkt ca, 20cm vor ihrem Gesicht.
An guten Tagen sprach sie den Leuten nach, und wirkte wie ein uraltes Echo, mit leicht ostpreußischem Akzent
Ich hatte einen guten Tag erwischt, und an diesem guten Tag war es meine Aufgabe Frida das Frühstück anzureichen.
Ich stellte mich kurz mit einem „Ich bin Kai, Mahlzeit „ vor, woraufhin sie mit mir eine lauten „Mahlzeit“ antwortete, was in dieser Situation noch völlig normal wirkte.
Ich ging dann zum Radio um den Ton leiser zu drehen, erwischte allerdings die falsche Richtung und es wurde lauter.
Aus dem Radio ertönte folgende Melodie !!!! : und die Nachrichten von NDR 1 Radio Niedersachen begannen.
„EU Osterweiterung Die Zeugnisse aus Brüssel bescheinigen zehn Beitrittskandidaten gute Noten in Fleiß und Betragen.“
„Gute Noten in Fleiß und Betragen“ rief auf einmal jemand hinter mir.
Ich erschrak drehte mich zu Frida um, doch sie saß stumm auf ihrem Stuhl in blickte auf einen Punkt irgendwo im Raum“
Hmm, was war das denn??
„Slobodan Milosevic sitzt in den Haag auf der Anklagebank“
„auf der Anklagebank“
Ich drehte mich wieder um, gleiches Bild.
Diesmal verharrte ich vor dem Radio, drehte den Knopf noch ein wenig höher und beobachtete Frida im Spiegel.
„Als Wirtschaftsminister nach Berlin!! Glück für Ministerpräsident Clement
Und siehe da, zum Ende der Zeile klärt sich Fridas Blick und sie sagt: „für Ministerpräsident Clement.“
Fassen wir die bisher gefallen Worte doch noch mal zusammen:
Gute Noten in Fleiß und Betragen auf der Anklagebank für Ministerpräsident Clement.
Das ergibt ja irgendwie Sinn.
In mir fing es gleich an zu rattern und ich überlegte, dass es doch möglich sein müsste, durch Laut und Leise stellen des Radios ganze Sätze zu produzieren.
Nach einigen Fehlversuchen bei den nächsten beiden Meldungen hatte ich den Bogen raus und Frida sprach, wenn auch mit Unterbrechungen folgenden Satz.
„ Das Kabinett beschloss einstimmig…………… mehr Touristen auf Ibiza…….. bei den Protesten in Russland ……. Steuerlich zu entlasten“
Faszinierend, ich war ja völlig begeistert und Frida schien dieses Spiel auch zu gefallen, sie hatte inzwischen zu mir rüber geguckt und grinste mich zahnlos an.
Ich freute mich gerade schon auf den Verkehrsfunk und Wetter, als eine der Pflegerinnen mein Treiben bemerkte und mir unmissverständlich zu verstehen gab, dass sie diese Art der Ressourcen Nutzung als inakzeptabel empfand.
Ich gab dieser Forderung stillschweigend nach, konnte Frida allerdings mit einem letzten beherzten Aufdrehens der Laustärke noch ein: „Verletzung der Menschenrechte“ entlocken.
Wie Recht sie doch hatte.
Nun widmete ich mich meiner eigentlichen Aufgabe und begann Frieda eine weißlich gelbe Puddingartige Substanz löffelweise einzuverleiben in der noch einzelne Krümel des Fertigpulvers zu sehen waren.
Erstaunlicherweise stellte ich im Laufe meiner Ausbildung fest, dass dieses Lebenselixier den Namen Milchsuppe trägt und durchaus gerne von älteren Menschen gegessen wird, selbst wenn diese noch eigene bzw. künstliche Zähne haben und ohne Radio kommunizieren können.
Ich war leider allerdings der einzige im Raum der nicht wusste, dass Frida die Krümel nicht sonderlich mochte, bemerkte dies aber zu spät.
Ich wunderte mich gerade warum Frida auf einmal tief einatmete und die Lippen spitze als ein Tischnachbar laut: „Deckung“ schrie und sein gemusterten Blümchenkleiderschutz vor sein Gesicht hielt.
ich drehte mich gerade zurück als Frida die letzten drei Esslöffel Milchsuppe gezielt in meine Richtung abfeuerte und gekonnt die Hälfte der Ladung auf meinem Gesicht verteilte.
Die andere Hälfte der Suppe war erstaunlicherweise genau an der Stelle gelandet wo sich der Kopf des Tischnachbars unter dem Kleiderschutz verbarg.
Ich war gleichermaßen fasziniert wie angeekelt und diese Stimmung wurde durch den Kommentar meiner Kollegin: „Ach übrigens, Frau Schmidt spuckt die Krümel wieder aus“, nicht sonderlich gehoben.
Das folgende: „Krümel wieder aus“, musste mich dann doch zum Grinsen bringen.
Ich grummelt ein: „Danke für die Warnung“ und musste unwillkürlich an die Menschenrechte zurück denken.
Nachdem ich dann mein, passend zur Kleidung weiß gefärbtes, Haar weitestgehend in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt hatte, befreite ich die Suppe von den Krümeln und brachte meine Aufgabe ehrenvoll zu Ende.
Beim Abräumen versuchte ich dann nochmal ein paar lustige Worte aus „Echo-Frida“ heraus zu bekommen und ich sagte:
„Frau Schmidt ich hoffe es hat geschmeckt, am anderen Tisch hörte ich: Alles Fraß hier!
Und sie antwortete: Doch, Danke Kai.