Kai Nesau – Poetry Slam, Lyrik und Lachen

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Sträter und Salmen, Premiere eine Lesebühne in Wuppertal


Freitag, März 25th, 2011

24.3.2011

Es war ein beschwerliche Reise, über das niedersächsische Flachland durch die Mittelgebirge Nordrhein Westfalens , über die Ruhr bis an die Wupper, ABER dieses literarisch musikalische Spektakel war die Pilgerfahrt allemal wert.

Es zog mich zur Premiere der ersten Lesebühne von Patrick Salmen und Torsten Sträter.

Empfangen wurde ich in einer düsteren Seitenstraße Wuppertals von einem frisch gestutzten Salmen im trendsicheren Holzfällerhemd, stilistisch macht der Mann keine Kompromisse.  Ihm war eine gewisse innere Unruhe anzumerken und dies hatte, wie ich kurze Zeit später erfuhr, leider weniger mit meinem Erscheinen zu tun. Ja es ist wahr, unserem deutschen Poetry Slam Meister, der sonst so besonnen und ruhig wie ein Fels in der japanischen Brandung strahlt ging der Arsch auf Grundeis, Premierenfieber!!

Herrn Sträter war zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Unruhe anzumerken, was möglicherweise auch daran lag, dass er 20 Minuten vor Beginn der Veranstaltung noch nicht vor Ort war.

Um dem intellektuellen Anspruch gerecht zu werden, begann dann pünktlich um 20:00 c.t. die Premiere der schon in Patrick Salmens Buchklappentext angekündigten Lesebühne, der Traum wurde endlich wahr.

Mit rund 50 zahlenden Gästen war die Shakespeare Akademie gut gefüllt und ein gespanntes Publikum lauschte der Anmoderation eines sich langsam entspannenden Salmen, der dabei fleißig den Rücken durch den weiterhin von der Couch moderierenden  Torsten Sträter gestärkt bekam.

Dieser begann seine verbale Präsenz gekonnt sitzend in Szene zu setzen und konnte bei beginnendem Team Text mit Herrn Salmen lange nicht aus dessen Schatten hervortreten, fairerweise sei aber gesagt, dass dies weniger fehlendem Charisma  als einer ungünstigen Beleuchtungssituation geschuldet war.

Wer nur gekommen war ,um proletarische Pottpoesie zu hören, wurde von der Vielfalt der dargebotenen Künste sicherlich angenehm überrascht.

Neben GYROS -Bannern hinter Flugzeugen eines schreibschwachen Verflossen, der mit seinem richtungsverkehrten „Sory G.“- Ruf wenig bewirken konnte, der wurde dem Zuhörer der Unterschied zwischen Jambus und Nimbus ebenso klar, wie die Tatsache, dass sich Hells Angels wenig von Diddl-Briefpapier locken lassen.

Lyrisch und ernst wurde Patrick Salmen bei einem nächtlichen Blick über  die Dächer, bei dem die Fantasie des  zwischen Kronkorken und Silvesterraketenleichen liegenden Erzählers  Kräne zum Diebstahl von Kopfbedeckungen nütze, und das Publikum durch bild- und wortgewaltige Erzählung mit klassischer Patrick-Salmen-Erzählstimme in eine andere Welt entführte.

Diese Stimme versuchte Torsten Sträter recht beeindruckend zu imitieren als im zweiten Teil des Abends untereinander Texte getauscht wurden, was  sowohl bei den Poeten als auch beim Publikum für reichlich Stimmung sorgte.

Für die nachdenklichen ruhigeren Töne sorgte vor allem auch die Gastautorin Anke Fuchs aus Köln,

mit klarer Stimme und starken Texten zeigte sie schnell, dass Bühnenpräsenz  auch ohne Performancezutaten das Publikum beindrucken kann. So bekam der Zuhörer einen Eindruck in ihr gerade erschienenes Hörbuch, auf dem elf Titel  das gesprochene Wort gekonnt in Szene setzen.

Neben einem Text über  das Missverstehen von Nähe in Alltagssituationen blieb vor allem auch eine Hommage an Kurt Tucholskys „Augen in der Großstadt“  in Erinnerung. Erst trug sie beindruckend authentisch das Original des verstorbenen Künstlers vor, um dann ihre eigene Version in den Gehörgängen des Publikums zu platzieren.

Begleitet wurden die drei westdeutschen Wortkünstler von dem russischen Pianisten Igor Parvenov, der mit klassischer Musik und einem Fingergeschick, welches sämtliche Wortspiele in den Schatten stellte, die Veranstaltung auf beeindruckende Weise unterstützte und abrundete.

Das Publikum konnte sich zwischendurch immer wieder aktiv an der Gestaltung des Abends betteiligen, wenn Patrick Salmen tiefe Einblicke in seine querdenkenden Hirnwindungen bot und Städte bzw. Länderrätsel in assoziative Wortspiele umwandelte.  So wurde dann gemeinsam nach der Aussage der zitronenschälenden Flugbegleiterin zum Piloten gesucht: Ich schäl, sie landen (Chelsea-London), oder der Heranwachsende, der von seinem Vater nur noch in fernöstlicher Währung bezahlte wurde, man gab dem argen Teenie Yen  (Argentinien). Diese Interaktion lockerte die entspannte Atmosphäre auf und so wurde der Zwischenruf eines Zuhörers  über seine aus finanziellen Gründen nicht vorhandene Waschmaschine sofort aufgegriffen. So erfuhr das gesamte Publikum, warum er bis halb elf bei seiner Tante in der Firma seine Wäsche abholen musste, und ist ebenfalls um das Wissen reicher, dass die Wäsche dort nicht gebügelt wird und Torsten Sträter lieber neue T-Shirts kauft, statt alte zu waschen.

Die Reise hat sich gelohnt. Weitermachen!!!

©Foto: Sina Lübcke